Kanadas Westen:
Die zweite Etappe unserer Weltreise fuehrte uns in den Westen von
Kanada. Vancouver war in diesem Erdteil unser Dreh- und Angelpunkt.
Schon beim Landeanflug am 11. September 2005 enthuellte sich uns die spezielle Lage der
Westkuestenmetropole: Umgeben von teils schneebedeckten, meist
bewaldeten Bergen liegt sie in einer Fjordlandschaft an der
Muendung des Fraser Rivers. Auf dem Fluss sind grosse Holzflosse der allgegenwaertigen
Holzindustrie zu sehen. Von der vorgelagerten Vancouver Island
wird die Stadt von den Stuermen und Brechern des Pazifiks geschuetzt.
Aus der Vogelperspektive erinnert die Landschaft an den Vierwaldstaettersee, nur
"ein Bisschen" groesser...
Beluga im Aquarium; Jachthaven von Vancouver
Totempfaehle im Stanley Park; Dampfbetriebene Uhr im Stadtteil Gastown
Kanutour auf dem Clearwater Lake
Mt. Robson Provincial Park; roehrender Rothirsch vor Sonnenaufgang
Dickhornschafe; Weisswedelhirsch (White Tailed Deer)
Mt. Edith Cavell mit Angel Glacier (Jasper); Upper Victoria Glacier (Lake Louise, Banff National Park)
Lake Louise; Vermillion Lake (Banff National Park)
Der letzte Schnee; Kakteen bei Kamloops (wir hatten sie uns groesser vorgestellt...)
Zusammenfluss von Fraser River und Thompson River; Hells Gate mit Fischtreppen
Weisskopfseeadler; Seeloewenkollonie
Schwarzbaer auf Futtersuche bei Ebbe; Regenwaldimpression
Wilde Kueste auf dem "Wild Pacific Trail" in Ucluelet
Schwarzbaeren beim Fischen bei Ucluelet
Springende Lachse bei Ucluelet
Springende Lachse bei den Stamp Falls
Bemalte Kunstgegenstaende im Stil westkanadischer Indianer (Orca, Wolf)
Unser erstes Abenteuer im Wilden Westen war das Erlangen eines
Bustickets in die Stadt ohne Kleingeld. Freundliche Passagiere
schenkten uns schliesslich zwei Fahrscheine. Aha, die Leute hier sind
ausgesprochen freundlich, was sich auf der weiteren Reise bestaetigte.
Die ersten vier Naechte verbrachten wir in Vancouver Downtown. Das Herz der
Stadt hat einen Durchmesser von wenigen Kilometern und laesst sich leicht
zu Fuss erwandern. Nebst dem reichhaltigen Einkaufsangebot, dem alten
Stadtteil Gastown mit einer Dampfuhr (!) und der Bibliothek mit
Internetzugang (im eleganten Rundbau von Moshe Safdie) hat es uns
vor allem der Stanley Park angetan. Die bewaldete Halbinsel im Nordwesten
der Downtown laesst
sich hervorragend mit einem Mietvelo entdecken: Das Vancouver Aquarium,
die Sammlung von einigen Totempfaehlen lokaler Indianer und ein eindruecklicher
Wald mit Thuja (Western Red Cedar oder Redwoods, eine Zedernart) mit meterdicken
Staemmen waren uns einen ganztaegigen Besuch wert.




Endlich hatten wir ein Mietauto aufgetrieben, und unsere Reise in die
Rocky Mountains konnte losgehen. Die Route fuehrte uns in zwei Tagen
ueber die ersten Bergketten bei Hope zum Wells Gray Provincial Park bei
Clearwater. Die Pazifikwolken wurden westlich der Wetterscheide gut
ausgepresst, und so nutzten wir das gute, wenn auch nicht mehr warme Wetter
fuer eine zweitaegige Kanutour auf dem Clearwater Lake. Endlich das
"richtige" Kanada! Waelder, glasklares Wasser, einige schneebedeckte
Berge, kein Skilift, keine Hochspannungsleitungen, Strassen oder
Eisenbahnlinien, vielleicht ein Flugzeug pro Tag - Canada at its best! Am
Weg zum Clearwater Lake liessen sich ausserdem einige eindrueckliche
Wasserfaelle bestaunen.


Den spaetherbstlich verhangenen Mt. Robson Provincial Park und somit
auch British Columbia und eine Stunde Zeit hinter uns lassend trafen
wir am 20. September in Jasper (Alberta) ein. Wir schlugen dort fuer
fuenf Naechte unser Zelt auf. Dass wir im Whistler's Campground
den richtigen Platz gefunden hatten, offenbarte sich uns gleich
nach dem Einrichten des Zeltes, als ein Rothirschbulle mit seinem
Dutzend Hirschkuehen roehrend zwischen Zelten und Wohnmobilen
durchspazierte! Dieses Schauspiel (mal mit, mal ohne Hirschkuehe)
wiederholte sich taeglich, einmal sogar mit einem krachenden
Geweihgefecht. Ein Bulle stand mal ein Dutzend Meter neben dem Zelt und
spaeter noch naeher am fotografierenden Markus (der aber in Anbetracht
des Bullen nicht mal mehr den Zeigfinger zu bewegen wagte... und vom
Bullen bloss einen abschaetzigen Blick erntete. Ha! Joghurt!). Das Bild
unten ist aus etwa 40 Meter Distanz aufgenommen.


Der Jasper National Park hat uns sowohl mit gutem Wetter (mit frostigen
Naechten) als auch mit Wanderungen in majestaetisch grosszuegigen
Gebirgslandschaften verwoehnt - und mit viel Wildlife! Neben den
Rothirschen gaben sich auch andere
Hirscharten wie White Tailed Deer und der Mule Deer die Ehre. Die
Parkstrasse wurde taeglich gegen Abend von einer Herde Dickhornschafe
gesperrt. Elch und Baer gaben sich dagegen weniger fotogen, auch wenn wir
sie einmal antrafen.


Auf der "schoensten Strasse der Welt", dem Icefield Parkway, erreichten
wir innert zwei Tagen Lake Louise im Banff National Park. Leider sahen
wir aus meteorologischen Gruenden nicht die ganze Pracht all der Berge
im ewigem Eis, die den Weg saeumen. Ein ganz
spezielles Hostel fanden wir unterwegs im "Rampart Creek". Kein
fliessendes Wasser, Plumpsklo, keine Dusche, ABER eine holzbeheizte
kleine Sauna mit Gletscherbach daneben. Aaaah! Besonders Chris, ein
Schweizer, schaetzte diese Einrichtung besonders. Er hatte sich dort
einige Naechte mit Holz Hacken verdient - und war seit vier Monaten
mit dem Velo quer durch Kanada unterwegs.


Lake Louise liegt wie Jasper und Banff in einem der hier offenbar typisch
kilometerbreit von Eiszeitgletschern ausgeschliffenen Taelern. Im
Vergleich dazu erscheint uns das Rheintal bei Chur oder das Rhonetal
bei Martigny geradezu eng! Verlaesst man aber das Haupttal, fuehlt man
sich in den Seitentaelern fast wie im Engadin oder im Berner Oberland.
Ausser dass fast niemand auf den Pfaden unterwegs und die Landschaft
nahezu unberuehrt ist, und dass eben etwas anderes Wild als zu Hause
unterwegs ist. Um Lake Louise gibt es eine gute Auswahl an Wanderungen
aller Schwierigkeits- und Hoehenstufen. Highligts auf einer fast 20km langen
Wanderung zur "Plane of the Six Glaciers" und zum "Lake Agnes" (hoi
Agnes!) waren eine schneeweisse Bergziege und die Gletscherabbrueche von
einem grossen Haengegletscher, die das Tal mit Donner erfuellten.


Der Schnee auf dem Zelt bewegte uns schliesslich dazu, in Jugis und B&Bs
im Banff National Park auf besseres Wetter zu warten. Nach vier Tagen
und leeren Versprechungen der Meteorologen "fluechteten" wir via Yoho
National Park und Revelstoke National Park nach Revelstoke, wobei wir im
zweiten Park zum letzten Mal fuer lange Zeit im Schnee wandern
konnten. Die folgenden Tage waren wieder durch Reisen bestimmt.
Unterwegs besuchten wir die trockene, sonnige Gegend um Kamloops, wo sogar Kakteen
wachsen, und wir fanden am Adams River Lachse (die roten "Sockeyes") auf dem
Weg zu den Laichgruenden. Im Adams River, wie im ganzen Fraser River System,
gibt's offenbar alle vier Jahre ein "Lachsjahr", in dem Lachse in sehr
grosser Zahl auftreten. Den Grund konnten uns weder die
Tourist-Info-Angestellten noch die einheimischen Ureinwohner erklaeren.
Natuerlich ist das naechste Lachsjahr erst im 2006, und wir waren erst noch
zu frueh im Oktober dort, aber immerhin. Von einer anderen, groesseren Art,
die etwas frueher aufsteigt, kamen den Sockeyes nur noch Leichen entgegen.


Der Adams River muendet in den Thompson River, dieser bei Lytton in den Fraser River,
und der endet schliesslich - das wisst Ihr ja schon - bei Vancouver.
Wir durchfuhren das wilde Flusstal des Thompson Rivers und liessen uns in der
Naehe von Lytton von einer Siska-Frau viele Eigenheiten der Kultur der
Nlaka'pamux-Indianer erklaeren. Die indigenen Voelker Westkanadas besitzen
einen phantasievollen Holzschnitzstil, mit dem sie Zeremoniengegenstaende wie
Federboxen, Totempfahle und Masken, neuerdings auch Wandbehaenge gestalten.
Schliesslich spazierten wir noch zu den Fischtreppen in "Hells Gate". Ein Felssturz,
verursacht durch den Bau der transkanadischen Eisenbahnlinie 1914, verengt hier den
Fraser River zu einer beruechtigten Stromschnelle, die von Lachsen nur schwer zu
bewaeltigen ist (weshalb auch die Fischtreppe angelegt wurde). Der Name Hells
Gate (Tor zur Hoelle) bezog sich von hier an auch auf das Wetter: In
Giessbachkuebelstraetzwetter trafen wir wieder in Vancouver ein - diesmal
nur fuer eine Nacht.


Sonne, Regen, Regenbogen und schoene Fjordlandschaften hielt die 90-minutige
Ueberfahrt von Vancouver (Horseshoe Bay) nach Nanaimo auf Vancouver Island (VI)
fuer uns bereit. Vor allem der Regen erwies sich waehrend der Zeit auf der
Insel (7. bis 18. Oktober) als zuverlaessiger Reisebegleiter. In Campbell
River und in den angrenzenden Provintial Parks Strathcona und Elk Falls
harrten wir vier Naechte aus und unternahmen kurze Ausfluege. Als das Turkey Day
Holiday Weekend (Thanksgiving) endlich vorueber war, hatten wir schliesslich
Wetterglueck und buchten eine wunderschoene (und exorbitant teure) Grizzlytour in den Bute Inlet,
ein Fjord auf dem Festland (auf Vancouver Island selbst gibt es keine Grizzlybaeren). "Hurricane Jack"
und seine Frau (Lehrerin, war gerade am streiken) verwoehnten uns und zwei
britische Gaeste mit Leckereien und gutem Wein, erklaerten uns viel ueber
Natur, Land und Leute, aber leider war die Grizzly Bear Tour schlussendlich nur eine Tour -
ohne Baeren. Immerhin trafen wir auf der siebenstuendigen Ausfahrt auf eine
Seeloewenkollonie, sahen Weisskopfseeadler und die starken Gezeitenstroemungen
in der zerkluefteten Fjordlandschaft, alles bei Bilderbuchwetter.


Da nach Thanksgiving alle Whalewatcher im Norden den Betrieb eingestellt hatten,
reisten wir nach Tofino an der Westkueste der Insel und richteten uns im kleinen,
gemuetlichen Backpacker's Inn bei Pete gemuetlich ein. Noch am Tag der Ankunft
buchten wir eine Bear Watching Tour bei
Jamies Whale Watching - und wir
sahen diesmal tatsaechlich Baeren, wenn auch keine Grizzlies. Die naechsten Tage
verbrachten wir mal bei Regen, mal bei bestem Wetter im Pacific Rim National Park
auf der Halbinsel von Tofino und Ucluelet. Hier befinden sich noch letzte Reste von
urspruenglichen Regenwaldbestaenden mit gigantischen Redwood-Baeumen und Douglastannen.
Diese beiden Arten werden bis zu 100 Meter hoch und ueber 800 Jahre alt, wenn man sie
nur stehen liesse. Hier an der Kueste haben schwere Stuerme die Kronen der Riesen
zerzaust, was ihrem majestaetischen Erscheinungsbild aber keinen Abbruch tut. Der Waldboden
ist von Farnen und Straeuchern bewachsen, und von den Aesten haengen dauertropfende,
in der Morgensonne glitzernde
Moos- und Flechtenbaerte. Auf Jahrhunderte altem Totholz der Baumriesen wachsen neue
Schoesslinge empor, die alten Staemme werden deshalb auch "nurse trees" (Ammenbaeume)
genannt. Das Leben quillt hier foermlich aus allen Nischen!


Auf dem Wild Pacific Trail in Ucluelet genossen wir bei Windstille (!) und warmer
Herbstsonne ein eindrueckliches Naturschauspiel: Von entfernten Stuermen
angetriebene, bis 5 Meter hohe Pazifikwellen tuermten sich vor der Felskueste noch
hoeher auf, bevor sie mit herrlichem Donnern zerschellten, gewaltige Gischtfontaenen
in den Himmel schleudernd. "Storm Watching" kann man hier in der Sturmsaison im
Dezember und Januar sogar fuer viel Geld buchen, dann werden die Wellen im Meer
draussen schon mal 10 Meter hoch!


Ein Verkaeufer in einem Souvenirshop gab uns einen Einheimischen-Geheimtip: Wenige
Kilometer von Ucluelet gibt's eine Lachszuchtstation, nur 200 Meter vom Meer weg. Dort
koenne man Hunderte Lachse beim Aufsteigen beobachten. Sie versuchen etwas oberhalb
der "Hatchery", einen (zu) hohen Wasserfall zu ueberspringen, was wir natuerlich
sehen wollten. Das beste war aber, dass einige der Lachse einen schnellen Tod fanden:
Sie wurden von drei Baeren gefressen! Das ganze Schauspiel konnten wir aus wenigen Meter
Distanz beobachten. Einheimische Familienvaeter versicherten uns und ihren Kindern vor
Ort, dass die Baeren harmlos seinen,
so lange (anderes...) Futter im Uebermass vorhanden sei. Wir glaubten fest daran.
Und es half.



Bei Port Alberni (Zwischen Ucluelet/Tofino und Nanaimo) bekamen wir dann nochmals
Lachse in allen Altersklassen zu Gesicht, als wir den Tag der offenen Tuer in
der Robertson Creek Hatchery (Fischzuchtanstalt) nutzten. Den erwachsenen Lachsen werden Spermien
durch auspressen oder Eier durch aufschlitzen entnommen. Zu Millionen
werden die Eier befruchtet und in einer grossen Halle in kuehlem Wasser
"ausgebruetet". Weiter Flussabwaerts sahen wir an den Stamp Falls wohl Tausende von grossen Lachsen
in den Stromschnellen der Stamp Falls mit dem Fluss kaempfen und ueber Kaskaden
springen - ein sehr beeindruckendes Schauspiel!


Den letzten Tag auf der Insel verbrachten wir bei zweifelhaftem Wetter und begaben uns statt
auf die Suche nach Orcas auf die Jagd nach schoenen Souvenirs. Wir haben uns
schwer in die indianischen Schnitzereien verguckt, konnten uns dann aber nicht
mehr fuer eine entscheiden (...die wir auch bezahlen konnten). In der Stadt
begegneten uns einige Tausend demonstrierende Lehrer und ihre Sympathisanten,
die fuer kleinere Klassengroessen und bessere Anstellungsbedingungen kaempften.
Hier einige Anregungen fuer
unsere Lehrerkollegen, falls Streik auch bei uns bald noetig sein sollte...


Zum dritten Mal in Vancouver nahmen wir schliesslich Abschied von Kanada und flogen
am 20. Oktober nach San Francisco. Wir
hatten eine grossartige Zeit in Kanada, gepraegt von vielen Naturerlebnissen und
Begegnungen mit tollen Menschen. Wir haben trotzdem einen
riesigen Korb voller Gruende, wieder hierher zu kommen. Wir moechten all die
eindruecklichen Wildtiere in diesen menschenleeren Landschaften wieder treffen.
Wir moechten die unermesslich grossen, leeren Gegenden noerdlich unserer Route
spueren.
Die Orcas und Grauwale warten noch auf uns, und Vancouver Island wird von der Cousteau Society als
Tauchdestination Nr. 2, gleich nach dem roten Meer, bezeichnet. Wir traeumen
schon jetzt von drei Wochen Vancouver Island, irgendwann im Sommer, in
einigen Jahren...